Ein Festival, das Geschichte macht

Zum sechsten Mal fand in diesem Jahr in Chiclana, einer kleinen aber interessanten Küstenstadt am Atlantik, das Festival Generamma statt. Ich mochte schon den Titel – ein Festival von Frauen und nicht ein Festival für Frauen. Das bedeutet einfach nur, dass hier die Frauen im Vordergrund stehen, die Filme machen, aber auch die Drehbuchschreiberinnen, Produzentinnen, Kamerafrauen, also alle, die mit dem Medium Film zu tun haben. Sie standen aber auch im Mittelpunkt der Filme, die gezeigt wurden.

Das war zwar nicht zwingend vorgegeben, war aber so.

Abgesehen von den Filmen, die im Teatro Moderno gezeigt wurden, gab es auch einiges anderes, wie Workshops, Gespräche, runde Tische, ein Treffen mit anderen Festivaldirektor:innen und natürlich die Kurzfilmreihe, die besonders spannend war.

Wenn jemand daran zweifelt, ob ein Festival dieser Art überhaupt notwendig ist, braucht man meistens nur die Gegenfrage zu stellen, – Welche Fimemacherinnen kennst du denn? Und das darauffolgende Schweigen sagt meistens schon alles.

Der Eröffnungsfilm Yo no moriré de amor von Marta Matute hat zwar in diesem Jahr beim Festival in Málaga den Preis Biznaga de Oro für den besten spanischen Film gewonnen, was sich mir aber nicht erschlossen hat. Er war grau, deprimierend, die Handlung absehbar und das Thema Altzheimer ist nicht nur abgenutzt, sondern wurde schon viel besser und eindringlicher verfilmt. Aber gut. Den Trailer sehen Sie hier.

1 Yo no morire

Die Geschichte der Sängerin Niña de la Puebla war da schon um einiges interessanter. Erzählt von ihrer Enkelin Adelfa Calvo ließ der Film von Remedios Malvárez das Leben von Dolores Jiménez Alcántara Revue passieren. In vielen Originalaufnahmen und Interviews mit Zeitzeugen, die ein Portrait einer der faszinierendsten Persönlichkeiten der Flamencogeschichte zeichneten.

Aufgewachsen in einer Zeit, in der Frauen frei leben durften, sah sie sich plötzlich in einer Diktatur gefangen, die sie zurück an den Herd verwies. Mit drei Jahren erblindet gründete sie mit dem Sänger Luquitas de Marchena eine Familie, bekam fünf Kinder und setzte, sobald es möglich war ihre Karriere fort. Sie kämpfte ihr ganzes Leben lang um Selbstbestimmung und ihr bekanntestes Lied, die Campanilleras wurden von vielen Sängern neu interpretiert, unter anderen von Mayte Martín und die erste Strophe kann sogar ich auswendig.

1a Acuérdate de mí

Sensibel und eindringlich rekonstruiert Malvárez ihr Leben und ruft eine Sängerin in Erinnerung, der mehr als eine Statue in La Puebla de Cazalla gebührt. Den Trailer zum Film Acuérdate de mí sehen Sie hier.

Mein absolutes Highlight war aber der Film Pioneras. Sólo querían jugar von Marta Díaz de Lope Díaz. Der Inhalt ist schnell erzählt:

Im Spanien der frühen 70er Jahre, als das Franco-Regime noch fest in der Gesellschaft verankert war, beschließt eine Gruppe sehr junger Mädchen, Fußball zu spielen – in einem Land, in dem für sie kein Platz in diesem Sport vorgesehen ist. Auf ihrem Weg finden sie einen unerwarteten Verbündeten: einen ebenso mutigen wie visionären Sportmanager. Gemeinsam und entgegen aller Erwartungen stellen sie sich dem System entgegen und legen den Grundstein für einen Kampf, der die Geschichte des Frauenfußballs in Spanien für immer verändern wird.

Pioneras 2 Cartel-Pioneras

Was für ein Film! Unglaublich spannend erzählt ist er unterhaltsam, verfällt in keinem Moment nostalgischer Betulichkeit, zeichnet die Figuren der jungen Mädchen in einer Weise, dass man sie gerne kennen lernen möchte und bekommt ein Gefühl dafür, welcher Mut nötig war um sich dem frauenverachtenden Regime von Franco entgegenzustellen.

Nicht zu vergessen die Rolle der Mütter, die sich auf die Seite ihrer Töchter stellten in einer Welt, die bis dahin nur den Männern gehörte. Ob man jetzt Fußball mag oder nicht – ich hoffe, dass dieser Film seinen Weg in die deutschen Kinos finden wird, denn er ist es wert.

Es gibt viel zu wenig Filme, die es so deutlich zeigen, was den Frauen in der Geschichte verwehrt wurde, und was für ein Mut und welche Entschlossenheit dazu gehörte, manche Ziele zu erreichen. Wie gesagt: ein großartiger Film. Dass beim Publikumsgespräch eine der Frauen, die damals dabei waren, Cubalita, teilnahm, war das Tüpfelchen auf dem I, sonst hätte man ja sagen können, dass alles erfunden war. Wäre ja nicht das erste mal.

Den Trailer sehen Sie hier.

Alles in Allem: als ich in der Straßenbahn nach Cádiz fuhr, hatte ich nur einen Gedanken: Los geht’s! Ein Frauenfestival muss her, in Wien, in Linz, in Berlin, in all diesen Städten, in denen das europäische Kino lebt. Und das sind Gott sei Dank viele.

Generamma

Festival de Cine de mujeres

Chiclana

15.-19. 9. 2026

https://generammafestival.com/