Die Querflöte gehört zu den ersten „nicht traditionellen“ Instrumenten des Flamenco, die Eingang in diese sich musikalisch öffnende Kunstrichtung fanden, ohne jetzt näher auf diesen verwaschenen Begriff eingehen zu wollen. Für Paco de Lucía war – neben dem Bassisten Carlos Benavent – Jorge Pardo mit seiner Querflöte ein fixer Bestandteil seiner Tourneen. Die Tangos Sólo quiero caminar des gleichnamigen Albums aus dem Jahre 1981 sind ein frühes und eindrucksvolles Beispiel, wie der Sound dieses, ursprünglich in der E-Musik beheimateten Instruments, in gelungener Durchmischung nicht nur neue Klangwelten erschließen kann, sondern, ähnlich einem perfekt sitzenden Kleidungsstück, auch Kanten und Rundungen dieser Musik hervorzuheben vermag.

Den Schritt nun, das eigene Melodieinstrument aus dem Schatten der drei Grundpfeiler des Flamenco, Cante, Guitarra und Baile, herauszuheben und auf einer Solo-CD in den Mittelpunkt der Aufnahmen zu stellen, haben in letzter Zeit einige Künstler gewagt, aktuell der Querflötist Juan Parilla.

Juan Parrilla, Neffe des legendären Gitarristen Parrilla de Jerez, entstammt einer eingesessenen Jerezaner Flamencofamilie und wird auf seinem Debüt-Soloprojekt Taxdirt – neben vielen anderen Musikerinnen und Musikern – auch von seinen beiden Brüdern, dem Gitarristen Manuel Parilla, neben José Losado und dem Geiger Bernardo Parrilla begleitet. Ein halbes Familienprojekt also, nicht untypisch für Aufnahmen aus Jerez. In der ersten Nummer, einer dem verstorbenen Gitarristen Moraito Chico gewidmeten Bulería, erkennen mit dem Flamencogesang Vertraute dann auch typische Bulería-Gesangslinien, ausgeführt a palo seco, also nur mit rhythmischer Begleitung, eine lebhafte Nummer, virtuos und mit viel Flamenco-Feeling!

juan-parrilla-cd

 

Dass im künstlerischen Leben von Parrilla Jazzmusik einen wichtigen Platz einnimmt, davon zeugt nicht nur Nummer 7, Toma que Toma, die Dave Brubecks berühmtes Thema Take Five aufnimmt um von einem 5/4 Takt in einen Bulería-Rhythmus zu wechseln, auch das Basis-Ensemble bei fast sämtlichen Stücken entspricht einer typischen Jazz-Besetzung. Schlagzeug, Kontrabass (Javier Colina), Piano (Daniel García) und Gitarre(n) gestalten den musikalischen „Teppich“ und begleiten Juan, bisweilen unterbrochen von seinem Bruder mit der Geige. Dieser reüssiert vor allem in meinem persönlichen Lieblingsstück, Farruca Escarlata, in welchem sich die von der Querflöte aufgenommenen, Farruca-typischen Gitarrenfloskeln mit ungarischem Csárdás mischen, um sich schließlich mittels einer Harmonika bzw. eines Bandoneons im argentinischen Tango wiederzufinden. Dieser wirklich sehr gelungene, weltumspannende Mix unterschiedlichster Stile verweist auf gemeinsame Bezugspunkte und veranlasst mich fast, die Wurzeln der Farruca in Ungarn aufspüren zu wollen!

Insgesamt könnte auf dem Album die Gitarre präsenter sein, so zum Beispiel im sehr schönen Tangos de Berlin, nach dem ersten Break warte ich hier intuitiv, aber vergeblich, auf eine stark rhythmische Gitarren-Falseta als Übergang zum nächsten Part. Solche Momente würden mehr „Flamencoheimat“ bringen und den Paradigmenwechsel von Gesang -Gastsänger sind José Mercé und Pitingo- und Querflöte für mich etwas entschärfen, was aber offensichtlich nicht im Sinne von Juan Parrilla ist.

Eine schöne, eine interessante und vor allem eine hörenswerte CD von einem hervorragenden Querflötisten, der im aktuellen Programm von Farruquito genauso vertreten ist wie in Aufnahmen anderer namhafter Flamencofiguren wie Carmen Línares oder José Mercé. Und, um auf meine einleitenden Ausführungen zu Paco de Lucías Aufnahme anzuschließen: Mir persönlich gefällt die Querflöte letztlich dennoch als pointiert eingesetzte Bereicherung im Flamenco besser als in der „Pole-Position“.

Aber das Einstreuen verschiedener instrumentaler Blickwinkel ist nicht nur berechtigt, es wirkt auch bereichernd und eine Kunstrichtung ist dann lebendig, wenn sie die unterschiedlichsten Zugänge und Interpretationen nicht nur zulässt sondern auch hervorbringt!

Parilla Producciones, www.juanparrilla.com