El desierto – die Wüste ist voller Blumen

Ein denkwürdiger Abend. Andrés Marín hat vor uns in den Wahnsinn zu treiben. Er will uns schlaflose Nächte bereiten und lacht sich dabei ins Fäustchen.

Ich erinnerte mich an den ersten Satz von Marcel Prousts berühmtem Roman  Auf der Suche nach der verlorenen Zeit – Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen. Warum ich an ihn denken musste, ist logisch, ruft Andrés Marín in seinem neuesten Stück Desierto sogar meine Erinnerung an die Alameda de Hércules wach, als ich noch vor dreißig Jahren in einem Haus in der Plaza Mata lebte.

Viel interessanter fand ich, dass, kaum hatte ich daran gedacht, mir auf Facebook folgende Überlegung von Juan José Millas erschien:

„Manchmal ändere ich nur ein einziges Wort, das letzte: Lange Zeit bin ich spät ins Bett gegangen. Der Satz verliert seine Wirkung. Wir kennen alle Arten und Unterarten von Menschen, die spät ins Bett gehen, und ehrlich gesagt sind sie uns völlig egal.“

Woher wissen die, wo ich war? Lesen die meine Gedanken? Hat Andrés Marín nichts anderes zu tun als mich vom Schlafen abzuhalten?

Ätzend.

Andrés Marín presenta Desierto en el teatro Central, Sevilla, a 25 de septiembre de 2026. Fotografia: Archivo fotográfico Bienal de Flamenco @Laura León
Andrés Marín presenta Desierto en el teatro Central, Sevilla, a 25 de septiembre de 2026. Fotografia: Archivo fotográfico Bienal de Flamenco @Laura León

Aber zurück zum gestrigen Abend. Schon der Beginn versetzte mich in einen Zustand der Trance, der bis zum Ende nicht vergehen sollte. Mit Oscar Muleros elektronischen Beats im Halbdunkel und einem Andrés Marín ganz in schwarz mit Kniestrümpfen, kurzer Hose und Baseballkäppchen, einem Mann mit Gitarre, einem älteren, eleganten Mann, der auf einem Stuhl saß und einem Pianisten am Flügel,  der kurz darauf meine harmoniebedürftigen Ohren mit Stockhausen malträtierte – und der Satz ist zu lang und ich finde kein Ende, ich weiß.

Zu viel passiert an so einem Abend, an dem alle Sinne gefordert werden.

Auf seiner Reise durch vergangene Zeiten, als die Alameda de Hércules noch mit Sand bedeckt war schenkt Andrés uns Momente, die wir nicht so schnell vergessen werden und die uns daran erinnern, was wir vermissen.

Andrés Marín presenta Desierto en el teatro Central, Sevilla, a 25 de septiembre de 2026. Fotografia: Archivo fotográfico Bienal de Flamenco @Laura León
Andrés Marín presenta Desierto en el teatro Central, Sevilla, a 25 de septiembre de 2026. Fotografia: Archivo fotográfico Bienal de Flamenco @Laura León

Die Klarheit eines Cantes Por Seguiriya von José de la Tomasa in dem er sich an seine Mutter erinnert und an den Duft ihres Parfums, der in ihrem Zimmer noch immer in der Luft hängt, weil er die Türe verschlossen hat, ist von großer Schönheit. Mit dem Rücken zum Publikum richtet Andrés Marín die Kamera auf das Geschehen, was uns ermöglicht, José de la Tomasa, diesen letzten der ganz Großen Cantaores de la Alameda aus der Nähe zu sehen und zu fühlen. Danke dafür und für vieles mehr.

Andrés Marín presenta Desierto en el teatro Central, Sevilla, a 25 de septiembre de 2026. Fotografia: Archivo fotográfico Bienal de Flamenco @Laura León
Andrés Marín presenta Desierto en el teatro Central, Sevilla, a 25 de septiembre de 2026. Fotografia: Archivo fotográfico Bienal de Flamenco @Laura León

Inzwischen hat Marín sich seines Jäckchens entledigt und eine Montera auf dem Kopf lässt er sein Gesicht mit kleinen Nädelchen spicken, und vereinigt somit Opfer und Täter in einer Person – der Stier und der Matador untrennbar verbunden und nein, ich möchte nicht weiter darüber nachdenken, vielleicht möchte jemand ein Buch darüberschreiben.

Andrés Marín presenta Desierto en el teatro Central, Sevilla, a 25 de septiembre de 2026. Fotografia: Archivo fotográfico Bienal de Flamenco @Laura León
Andrés Marín presenta Desierto en el teatro Central, Sevilla, a 25 de septiembre de 2026. Fotografia: Archivo fotográfico Bienal de Flamenco @Laura León

Als das Ende naht, liegt Andrés mit einem rote Schwimmreifen im Sand und rezitiert, davor hat er viel und großartig getanzt, gefilmt, Eier ins Publikum geworfen und mit einem künstlichen Gebiss geklappert. Er ist vor José de la Tomasa auf die Knie gefallen und hat dafür gesorgt, dass wir mit ihm und Salvador Gutierrez an der Gitarre endlich wieder das hören konnten – siehe oben. Wenn da nicht Stockhausen und dieser verflixte Pepe Fernández am Klavier gewesen wären.

Andrés Marín presenta Desierto en el teatro Central, Sevilla, a 25 de septiembre de 2026. Fotografia: Archivo fotográfico Bienal de Flamenco @Laura León
Andrés Marín presenta Desierto en el teatro Central, Sevilla, a 25 de septiembre de 2026. Fotografia: Archivo fotográfico Bienal de Flamenco @Laura León

Zu Auf der Suche nach der verlorenen Zeit gibt es übrigens ein Hörbuch. Spieldauer 156 Stunden und 15 Minuten.

Andrés Marín

Desierto

Teatro Central

25.9.2026

www.labienal.com

Fotos: Laura León

Text: Susanne Zellinger