Das Colegio Mayor Isabel de España es lebe hoch!
Dieses ganz besondere Festival macht mir jedes Jahr wieder große Freude. Weil es an einem ganz speziellen Ort stattfindet, weil die Intimität der kleinen Bühne eine sehr große Nähe zulässt, weil die Programmation sich ein wenig vom Mainstream wegbewegt, der Respekt vor dieser Kunst hier spürbar wird und die Stimmung immer großartig ist.
Die Idee der Gründerin des Festivals, Marisa Muñoz, ein Festival in einem Studentenwohnheim zu veranstalten sollte eigentlich wegweisend sein, wird ja die Sorge immer größer, dass in den nächsten Jahren der Nachwuchs fehlen könnte und in unseren digital überfüllten Zeiten ist es ja gar nicht so leicht junge Leute für den Flamenco zu begeistern.
Der Eintritt zum Festival ist übrigens gratis, man braucht sich nur anzumelden, was man auch tun sollte, denn meistens ist der Saal bis auf den letzten Platz besetzt.
Dieses Jahr war das Festival den Künstler:innen aus Madrid gewidmet, einer Stadt, die für viele das wahre Zentrum des Flamencos ist, was die Geschichte ja beweist. Vor allem wenn man die romantischen Räubergeschichten von Gitanos, die in den Höhlen lebten, weglässt.
Am besten, man fragt José Manuel Gamboa, der in seinem interessanten, aber kurzen Vortrag einen Überblick gab, warum Madrid für den Flamenco eine so große Bedeutung hat. Gamboa ist eine wandelnde Enzyklopedie, seine Bücher ein Muss und er hat noch dazu Humor und würzt seine Präsentationen mit reizenden Anekdoten.

Musikalisch eröffnete das Festival am Dienstag mit einem Konzert des Cantaors Paco del Pozo, übrigens der einzige Madrilene, der bis heute die Lámpara Minera in La Unión gewonnen hat.

Er eröffnete mit einer Soleá, sensibel, zurückhaltend, intim, wie es diesem Palo entspricht, ab dem ersten Moment erreichte er das respektvolle Publikum, mit den darauffolgenden Tangos de la Gran Vía gewann er sie ganz für sich. Großzügigerweise gab er auch kleine Infos zu seinen Cantes, erzählte kurz, warum die Caracoles eigentlich in Madrid ihren Ursprung haben und bedankte sich bei der Technik für den Ton, der übrigens fantastisch war.
Der Magier der Flamencogitarre, Jerónimo Maya, begeisterte wie immer durch seinen persönlichen Stil, seine geheimnisvolle Gitano – Aura und sein virtuoses und charaktervolles Spiel.

Großzügigerweise bekamen auch die beiden Tänzer-Palmeros ihren Moment und sowohl Noe Barroso als auch Rafael Peral tanzten nicht nur hervorragend, sie verbreiteten auch gute Stimmung, etwas, was diesen Abend vor allem kennzeichnete.
Die Ruhe vor dem Sturm
Der zweite Abend war dem Tanz gewidmet und zwar mit niemand geringerem als Alfonso Losa. Ich kenne Alfonso schon seit vielen Jahren und verfolge seine Karriere, er ist etwas ganz besonderes und eigentlich warteten wir lange auf seinen Sprung zum Star und er kam mit Flamenco: Espacio Creativo im Jahr 2022, als er sich in die Hände von Estévez/Paños begab, die seine Wildheit etwas zähmten und in richtige Bahnen lenkten.

Er gehört einfach auf die großen Bühnen, denn sein ungestümer Impetu braucht etwas Distanz, damit er dich nicht ungeschützt trifft, wenn der Sturm losgeht. Das war im kleinen Saal des Colegio Mayor natürlich nicht der Fall und die Damen in der ersten Reihe duckten sich manchmal damit der Sturm über sie hinwegfegen konnte.
Die Kraft, die da aus ihm herausbricht ist schwierig zu erklären, vor allem wenn man weiß, was für ein wunderbarer, sensibler Mensch er ist.
Aber auch das zeigt er immer wieder, so wie an diesem Abend beim Beginn der Soleá, ein Genuss, der ewig dauern könnte. Eine Langsamkeit und eine Zurückhaltung, die mich immer wieder in ihren Bann zieht.

Der junge Gitarrist Ángel Flores begleitet ihn hervorragend und auch darin liegt ein großes Talent des Alfonso Losa: besser kann man seine Musiker:innen nicht aussuchen, allen voran natürlich einer der gefragtesten Sänger des Moments: Ismael de la Rosa, El Bola aus der Familie der Fernández ist ein Geschenk, das alle, die den Cante lieben, sich zum Geburtstag wünschen. Der zweite Cantaor, Eleazor Cerreduela – was für ein Name! – fügte sich auch harmonisch in das Geschehen ein und so war alles gut.
Der dritte Abend war dem Gitarristen Pepe Núñez gewidmet, einem der meist im Schatten agierenden aber unentbehrlichen Begleitgitarristen, ohne die der Flamenco, wenn überhaupt möglich, etwas anderes wäre.

Er wurde von Marisa Muñoz mit dem Premio Tío Luis, El de la Juliana ausgezeichnet.

Im Konzert hielt er sich nobel zurück und überließ den Protagonosmus den beiden Cantaoras Sara Diaz und La Nati, seinem Sohn Mario Núñez an der Perkussion und den beiden Palmeros Kiko Martín und Juan Carlos Gil.
Wir freuen uns aufs nächste Jahr.
Festival Tío Luis, El de la Juliana
21.-23. 04. 2026
Colegio Mayor Universitario Isabel de España
Madrid
Text und Fotos: Susanne Zellinger