Federico García Lorca und der Tanz der Schmetterlinge

Ein Flamencoabend als Hommage an den Dichter Federico García Lorca und die Choreographin und Tänzerin Rafaela Escoz

Katakomben-Theater im Essener Girardet-Haus am 06. Dezember 2025

Anfang November 2024 verstarb Rafaela Escoz nach kurzer schwerer Krankheit. Ihr Herzensprojekt, anlässlich eines Jubiläums des Spanischen Elternvereins in Essen eine Werkschau all ihrer Tanzgruppen unter dem Leitmotiv Lorca und der Flamenco zu präsentieren, konnte sie nicht mehr verwirklichen.

Ein Jahr später führen Ehemann Juanfe Luengo und Tochter Mili dieses Projekt zu Ende. Sie vervollständigen Rafaelas Konzeptentwurf, arbeiten es mit ihren Tanzgruppen musikalisch und tänzerisch weiter aus, fügen die Teile zusammen und bringen es mit insgesamt 40 Akteur*innen auf die Bühne. Federico García Lorca und der Tanz der Schmetterlinge beschert dem Katakomben-Theater am 06. Dezember ein ausverkauftes Haus. Die Aufführung ist eine Flamenco-Hommage an Federico García Lorca und ein Lorca-Requiem anlässlich des Jahresgedenkens für Rafaela Escoz zugleich.

Gruppen

Tatsächlich hat Federico García Lorca (1898-1936) ungeachtet dessen, dass er einer der größten spanischen Dichter, Lyriker und Dramatiker ist, sehr viel für die Entwicklung des Flamencos getan. Mit seinen Gedichtbänden wie Romancero gitano und Poema del cante jondo holte er das Leben und die Kultur der spanischen Gitanos aus der gesellschaftlichen Randständigkeit. Er notierte andalusische Volksweisen, schrieb ihnen neue Texte und führte sie sogar mit der Sängerin La Argentinita als Canciones españolas populares (darunter „Anda jaleo“, „La tarara“, „Zorongo gitano“) selbst auf.

Gemeinsam mit dem seinerzeit schon sehr bekannten Komponisten Manuel de Falla veranstaltete Federico García Lorca 1922 einen Flamenco-Gesangswettbewerb Concurso del cante jondo, um dem Flamenco mit einem für diese Zeit einzigartigen Festival auf der Plaza de los Aljibes der Alhambra eine große Bühne zu geben. Künstler*innen aus ganz Andalusien nahmen teil, und in der Jury saßen berühmte Künstler wie Antonio Chacón oder auch Andrés Segovia.

Rote Frauen

Auch heute noch ist Lorca für viele Flamencokünstler*innen eine nachhaltige Inspirationsquelle. Der Sänger Camarón de la Isla veröffentlichte1979 das Album La leyenda del tiempo ausschließlich mit Texten aus Lorca-Gedichten, und der Regisseur Carlos Saura bringt zusammen mit dem Choreographen und Tänzer Antonio Gades das Theaterstück Bodas de Sangre 1981 als Flamencoballett in die Kinos. Lorcas Gedichte werden in Liedform immer wieder zitiert. Man denke allein an das schon von Manzanita und vielen anderen so schön besungene Verde, te quiero verde.

Auf diesen besonderen Nikolaustag am 6. Dezember im Essener Girardet-Haus haben jedenfalls alle Beteiligten hingefiebert. Über Wochen und Monate war geprobt worden. Unzählige Ideen wurden diskutiert, weiterentwickelt und schließlich in die Dramaturgie eingebaut: Schritte und Melodien, Worte, Texte und Gedichte, Requisiten und Technik, Eintrittskarten, T-Shirts und Poster. Alles wird zusammengefügt zu einer einzigartigen „Flamenco-Tanz-Theater-Collage“.

Juanfe

Insbesondere bei Kostümen und Bühnenbild, bei Choreographie und musikalischer Umsetzung wird alles von allen gemeinsam entwickelt – erst in den einzelnen Gruppen, vor allem „Soles“, Yerbabuena“, „Soleras“, „Escencia“, dann mit dem ganzen Ensemble ehemaliger Schüler*innen Rafaelas. Fast alle Musik wird live gespielt, von Juanfe Luengo – seine Gitarre allein trägt durch den Abend- mit Rebeca Carmona, deren Gesang  den Stücken die ganz besondere Stimmung und zusätzliche Tiefe gibt – zuzüglich eines Kurzauftritts von Rafael und Fali Cortés als Gitarrenduo der Extraklasse.

Cortés

Der Abend hat wirklich alles, was Flamenco an Emotionen zu bieten hat. Trauer und Verlustschmerz, aber auch Begeisterung, Hingabe und Lebensfreude. Unzählige Beteiligte auf und hinter der Bühne, das Publikum, meist Familie und Freunde, intensiv dabei, ganz nah an dem Geschehen auf der Bühne des kleinen, aus den Nähten platzenden Theaters.

Besonders emotional für alle, die bei Rafaela tanzten, zu sehen, wie Mili zu Beginn der Aufführung barfuß auf die Bühne kommt, um dort die roten Schuhe ihrer Mutter anzuziehen und zur Gitarre des Vaters zu tanzen. Rafaelas Schwester Ana Maria und ihre Freundin Rosa kommen hinzu, nun zu dritt tanzend, mit schwarzem Schleier als Zeichen der Trauer.

Schleier

Anrührend auch, wie Zahara, die gerade einmal 6-jährige Nichte, umgeben von ihren kleinen Tanzfreundinnen am Bühnenrand sitzend das Lieblingsgedicht von Rafaela  Mariposa del aire frei vorträgt, untermalt nur von Juanfes Gitarre. Bis dahin hatten fast alle im Publikum ihre Taschentücher herausgeholt.

Szenische Einlagen lockern die Tanzsequenzen hier und da auf: In Bernarda Albas Haus verkündet die strenge Mutter wortgewaltig („Silencio!“) ihren fünf Töchtern acht Jahre Hausarrest und Trauerzeit – stimmungsmäßig und optisch alles schwarz in schwarz. Als spanische Landarbeiter pittoresk gekleidet klettern junge Männer scheinbar spontan aus dem Publikum auf die Bühne und sorgen für Unruhe. Dann zankt eine Gruppe von Tanzteenies untereinander darüber, wer dieser „Lorca“ denn sei und ob das etwas ist, was auf Netflix läuft.

Zu alledem erzählt ein Sprecher – in Wohnzimmer-Ambiente sitzend – Wissenswertes über Lorca und seine Zeit – geboren in Granada, Studienzeit in Madrid, Freundschaft mit Salvador Dalí und Luis Buñuel, ermordet zu Beginn des Spanischen Bürgerkriegs – und stellt die Bezüge zwischen den Stücken und den Akteuren, den historischen Gegebenheiten und den aktuellen Bühnengeschehnissen her.

Erzähler

Vater und Sohn Cortés – beide lebenslange Freunde und künstlerische Weggefährten von Rafaela – senden mit einer sehr andalusischen Interpretation von Entre dos aguas einen musikalischen Gruß gen (Bühnen-)Himmel. Die Familie der Cortés kommt wie Lorca ursprünglich aus Granada, die von Rafaela übrigens aus der Region Sevilla.

Die Kindergruppen begeistern durch absolute Hingabe und farbliche Vielfalt ihrer selbstgenähten Kostüme, so dass nicht nur den anwesenden Eltern das Herz aufgeht. Die Tanzgruppen „Soleras“ und „Yerbabuena“ schließlich bieten quasi Profi-Niveau und steigern die lebensfrohe Stimmung zu einem sehenswerten Finale mit Alegrías und Tangos.

Kinder

Das Ende – die roten Schuhe stehen wieder in der Mitte – ist noch einmal tränenreiches Erinnern. Erst die Zugabe lässt der Lebensfreude wieder Raum: Sevillanas mit allen zusammen – ob klein oder groß, jung oder alt, frisch dabei oder schon immer total flamenca/ flamenco. Einen viel bunteren Abend kann man sich kaum vorstellen – unvergesslich für alle, die dabei waren.

Sevillanas

Rafaela Escoz unterrichtete über 20 Jahre Flamencotanz im Spanischen Elternverein Essen (Asociación española de Padres de Familia e.V.), überregional bekannt war sie durch die regelmäßigen Auftritte mit Rafael Cortés.

Text: Waldemar Mathejczyk

Fotos: Martin Morsch und Miguel Janeiro