Das 18. Flamenco Festival Esch in Luxemburg bot wieder ein facettenreiches Programm. Es gab sechs Bühnenauftritte, diverse Filmvorführungen sowie Workshops für Tanz, Gitarre und Gesang.
Im Festival Esch stand bislang immer der traditionelle Flamenco im Mittelpunkt. Unvergessen sind mir die „Vorkonzerte“ mit Gesang und Gitarre. In diesem Jahr wurden schwerpunktmäßig aktuelle Entwicklungen des Flamencos präsentiert. Sehr modern und zeitgenössisch.
Der erste Abend begann aber traditionell: Pellizco mit der Kompanie Iván Vargas aus Granada. Iván gehört zu der bekannten Familie Los Mayas. Er widmete dieses Stück seiner Familie, großartigen Künstlern wie Manolete und Mario Maya. Sein Taranto und Tango de Granada waren tief, elegant, emotional und amüsant. Pellizco war eine perfekte Harmonie der drei Elemente: Cante, Toque und Baile.
Die junge Gasttänzerin Nazaret Reyes aus Sevilla tanzte eine temperamentvolle Seguiriya. Sie trug ein zeitgemäßes, aber doch typisches Flamencokleid. Mit dieser Kleiderwahl war sie die einzige Tänzerin im gesamten Festival. Bemerkenswert waren auch die beiden jungen Sänger Juañarito aus Jerez und Eleazar Cerreduela aus Madrid.
Der Gitarrist David Caro aus Almería zeigte sein Talent noch einmal explizit am nächsten Abend bei seinem kurzen Solo-Vorprogramm. Seine sehr schnellen und präzisen Fingerbewegungen auf dem Gitarrenhals zeugen von einer sehr guten Ausbildung, er gewann auch schon einige Preise. Er begleite den Sänger Eleazar Cerreduela, der sehr gefühlvoll eine Malagueña und „Mi niña Lola“ von Pepe Pinto sang.
Neben der Kulturfabrik beteiligt sich auch das Theater Esch jedes Jahr mit einer Aufführung am Flamencofestival. Diesjähriger Haupt-Act war das Stück Baile de bestias von Jesús Carmona. Der Solist des Ballet Nacional de España bekam schon zahlreiche Preise, u.a.: Desplante in La Unión 2012, Premio Nacional de Danza 2020, Benois 2021 in Russland und den Premio Max 2022.
In seinen bisherigen Bühnenproduktionen war noch der Flamenco das Ausdrucksmittel. In Baile de bestias geht es um den Kampf mit seinen inneren Emotionen. Diese auszudrücken braucht er Freiheit in seinen Bewegungen, so dass er sich hier des Korsetts des klassischen Flamencos entledigte.
In seiner Produktion gab es einen einzigen Musiker, Manu Masaedo, der ca. 20 verschiedene Instrumente beherrscht und Hip-Hop singt.
Am Anfang traten Jesús und Manu auf die Bühne. Sie standen sich Angesicht zu Angesicht gegenüber und blieben stumm und regungslos. Über Band wurden sich unterhaltende Stimmen eingespielt.. Nichts passierte. Das Licht im Publikumsraum war noch an und die Zuschauer begannen, sich mit ihren Nachbarn zu unterhalten. Irgendwann ging das Licht im Publikum aus und die Künstler legten mit einer fröhlichen Bulería los, die das Publikum mit viel Applaus begrüßte. Die beiden Künstler freuten sich und umarmten sich. Obwohl man miteinander redet, versteht man sich wirklich.…?
Es wurde dunkel auf der Bühne und man sah einen Wald. Gute Lichttechnik und Bühnenbild erzeugten einen sehr realistischen Eindruck.
Der nächste Teil erzählte die Geschichte von inneren Qualen der Menschen Das Biest. Man sah Jesús Carmona, wie er seinen nackten Oberkörper weiß einpuderte, sich verwandelte, sich verrenkte und schrie. Die Musik von Manu Masaedo lieferte die Untermalung dazu.
Im letzten Teil zeigte Jesús Carmona seine präzise Fußtechnik mit atemberaubender Geschwindigkeit auf einer engen Tanzfläche und sogar auf einer kleinen Kiste. Das Ende des Stückes löst den Spannungsbogen wieder auf. Versöhnung, Verständnis und Akzeptanz.
Teilweise wurden die Stimmen von Montse Cortes und Paquera de Jerez eingespielt. Darüber hinaus machte die Zusammenarbeit mit Sänger und Multimusiker Manu Masaedo diese Produktion einzigartig.
Auch der zeitgenössische Flamenco enthält viele Referenzen auf die Tradition oder die Religion. Victoria Villalba vom Círculo Cultural Español Antonio Machado half mir als Japanerin mit ihren Erläuterungen dabei, die Aufführungen besser zu verstehen.
Deuteronomio 5: 8-10 von Iván Orellana und Alberto Sellés feierte internationale Premiere und wird von der Stadt Torrox, Malága durch das Programm In Progress unterstützt. Der Direktor ist Juan José Morales „Tete“. Diese Tanzproduktion mit hervorragenden jungen Künstlern ist absolut empfehlenswert.
Nach einer Anspielung auf die Semana Santa und ihres emotionalen Gewichts folgte eine Seguiriya der beiden Tänzer.
Iván tanzte durchgehend eher modern und zeitgenössisch, sein Körper sehr geschmeidig. Dagegen bewegte sich Alberto meist sehr kraftvoll. Ein schöner Kontrast dieser zwei ausgezeichneten Tänzer.
Mit einer fröhlichen Cantiña/Alegría aus seiner Heimat Cádiz bezauberte Alberto das Publikum. Er hat eine tolle Stimme und erinnerte dabei an seinen legendären Vorfahren Aurelio Sellés. Außerdem ist er auch ein guter Schauspieler.
Der Gitarrist Juan Anguita tanzte eine Escobilla der Soléa, der Sänger Manuel Pajares sang einen Fandango während er sich selber auf der Gitarre begleitete und
Iván schlüpfte mal in ein blaues Büßergewand oder er verkörperte im goldenen Kleid die Heilige Jungfrau Maria. Auch die starken religiösen und traditionellen Referenzen, die man erkennen und verstehen muss, taten dem Verständnis keinen Abbruch.
Fragmentos de la Noche der Kompanie Sara Jiménez war ebenfalls ganz ausgezeichnet. Mit ihrer Ausbildung im spanischen Tanz und im Flamenco im Conservatorio Profesional in Granada ist ihre Tanztechnik sehr gut und sicher, und darüber hinaus zeigte sie ihr Talent als Schauspielerin. Hilfreich für das Publikum waren die eingeblendeten französischen Übersetzungen der spanischen Kommunikation.
Fragmentos de la Noche macht Anleihen bei dem berühmten religiösen Fest in Granada, El Día de la Cruz. Man schmückt das Kreuz mit vielen Blumen und Obst. Dabei ist der Apfel, in dem eine gekreuzte Schere steckt, ein zentrales Symbol.
Der Apfel spielte im ganzen Stück eine zentrale Rolle.
Sara tanzte mit zwei kleinen Zimbeln Seguidilla und Sevillanas genauso virtuos wie Seguiriya und Petenera. Sie holte die Äpfel aus ihrer Tasche und biss hinein mit voller Wut. Bei der Bulería spuckte sie die Reste wieder aus und brach zusammen. Aber sie wachte nicht wie bei Schneewittchen durch den Kuss eines Mannes auf, sondern durch den einer Frau. Der Höhepunkt war ihr Tanz mit der Schere im Apfel, das Symbol der Freiheit. Sie ist die Frau, die sie ist und wehrt sich gegen jede Kritik daran.
Fragmentos de la Noche wird ebenfalls durch das Programm „In Progress“ von Torrox, Malága unterstützt und feierte in Esch ebenso Weltpremiere. Tanz, Musik und Theater, diese drei Elemente zusammen wurden temporeich aufgeführt. Für die Produktion ist Juan Kruz Diaz de Garaio Esnaola verantwortlich.
Auch Pasaje von der Kompanie Juan Carlos Avecilla aus Chiclana, Cádiz, ist interessanter zeitgenössischer Flamenco. Direkt mittig vor der Bühne saß als Ehrengast der spanische Botschafter. Die jungen hochqualifizierten Künstler gaben alles, mit voller Energie und Temperament.
Zur Kompanie gehören die ausgebildete Tänzerin Marta Gálves aus Córdoba, der Perkussionist Antonio Carmona und zwei beeindruckende Sängerinnen: Desirée Paredes Ciudad aus Madrid, die die CD „La Tapa“ (2021) produzierte. Naike Ponce wurde 2020 mit „Vivir“ für den Latin Grammy nominiert. Die Leistungen der Sängerinnen a cappella waren hervorragend, mal amüsant und mal emotional vorgetragen.
Es begann zeitgenössisch. Nach Jota/Verdiales von Marta Gálves zeigte Juan Carlos bei einer Seguiriya seine sichere Fußtechnik. Die interessanteste Szene war die Darstellung des Kinderspiels „1,2,3, chocolate/pollito inglés“ mit allen Künstlern.
Den Abschluss machte die Martinete von Juan Carlos mit der Begleitung der beiden Sängerinnen, deren kraftvoller stimmungsvoller Gesang einige Zuschauer zu Tränen rührte.
Das Flamenco Festival Esch 2025 endete mit einem Auftritt von Leonor Leal und Antonio Moreno im Ariston, der Nebenspielstätte des Escher Theaters. Wir konnten nicht dabei sein, aber es muss wohl sehr gut gewesen sein.
Wir freuen uns auf das nächste Festival im Mai 2026!
Text: Chie Martin
Fotos: Peter Martin