Festspielhaus St. Pölten: Ballet Nacional de España – Afanador

Und sie tanzten, tanten und tanzten …

Es passiert mir ja selten, aber es kommt vor: ich sitze vor dem Computer um eine Vorstellung zu beschreiben und nichts rührt sich. Weder in meinen Händen noch in meinem Kopf. Zu viele Bilder stürmen auf mich ein und ich weiss nicht, wo ich anfangen soll. Was für ein Abend, was für eine Kompanie,  was für ein Aufwand an Lichtern , Kostümen und Menschen, was für eine Überfülle an Ideen.

Das passiert natürlich nur, wenn Künstler:innen verschiedener Disziplinen aber der allerersten Liga sich vereinen und einander vertrauen.

Vor vielen Jahren, es waren mindestens fünfzehn, zog ein Plakat der Bienal de Sevilla meine Aufmerksamkeit auf sich. Es zeigte den Oberkörper einer nackten, dunkelhäutigen Frau mit Mantilla, in der prüden Flamencowelt von damals etwas absolut Außergewöhnliches.

Das Foto stammte von dem kolombianischen Fotografen Ruven Afanador, der mit seinen spektakulären Fotografien von Flamenc@s in Sevilla und Jerez de la frontera Furore machten. Die daraus entstandenen Bücher Mil besos und Ángel gitano bilden die visuelle Basis von Afanador. Manche der Bilder auf der Bühne sind natürlich nur zu verstehen, wenn man die Bücher kennt, wie die riesige schwarze Masche auf dem Kopf von Matilde Coral oder das Bild der Frau auf dem Balkon, deren schwarze Mähne über viele Meter zum Boden fällt. Im Buch ist das Esperanza Fernández, aber eigentlich spielt das keine Rolle.

An diesem besonderen Abend muss man nichts verstehen, man kann sich einfach den vielen Eindrücken und seinen eigenen Gefühlen überlassen. Wenn man überhaupt dazu kommt. Ich konnte mich erst Minuten nach Ende der Vorstellung wieder bewegen, ich war einfach überwältigt.

Überwältigt von dieser Kompanie, die eigentlich für ihre Interpretation der Danza española bekannt ist und natürlich des Flamenco und der Escuela bolera, aber in diesem Werk noch viel mehr zeigt. Durch die Auswahl des Choreografen Marcos Morau, die der Leiter der Kompanie Rubén Olmo natürlich nicht zufällig ausgewählt hat. Als einer der international erfolgreichsten zeitgenössischen Choreografen mit seiner Kompanie La Veronal drückte er dem Ballet Nacional mit seinen über 30 Tänzer:innen seinen Stempel auf.

Ausgehend von den Bildern in schwarz-weiss von Ruven Afanador verstrickt er die Tänzer:innen in eine Aufeinanderfolge von Bildern beginnend mit der beeindruckenden Szene bei halb herabgelassenem Vorhang bei denen man nur die Beine sieht, in einem atemberaubenden Spiel von Zapateados, bei dem man nicht mehr imstande ist zu unterscheiden, welche Beine zu wem gehören bis zum monumentalen Schlussbild mit der ganzen Kompanie.

Dazwischen gibt es einige wenig lyrische Szenen, die, begleitet von Livemusik mit Gitarre und Cantaor, einen Moment zum Atemholen erlauben. Aber natürlich auch die kurze Intervention von Rubén Olmo in seinem Tanz mit dem Mantón, auch inspiriert von einem der Fotos von Ruven Afanador.

Die hervorragende Lichtregie mit überraschenden Momenten, die fünf Trommler gegen Ende, die Marcha der Semana Santa, die musikalischen Anspielungen auf das ländliche Andalusien mit den Cantes de Trilla und das elektronische Sounddesign, für meinen Geschmack manchmal zu intensiv, schaffen ein wahres Gesamtkunstwerk, das mit Sicherheit als Inspiration für andere kreative Geister dienen wird.

Ein berauschender Saisonauftakt im Festspielhaus St. Pölten, mit einer der besten Tanzkompanien des internationalen Panoramas.

Afanador

Ballet Nacional de España

Director: Rubén Olmo, coreografía: Marcos Murau und La Veronal

Festspielhaus St. Pölten

26./27.September 2025

Fotos: Merche Burgos

Text: Susanne Zellinger