Félix Vázquez: Die Flamencos sind etwas ganz Besonderes

Félix Vázquez ist ein hervorragender Tontechniker, manche seiner Fotos sind schon in die Geschichte eingegangen, sein Kurzvideo von Diego Carrasco und Company in der Küche des Lloyd Hotels in Amsterdam muss man gesehen haben. Er ist einer der angesagtesten Filmemacher der Flamencowelt und hat als einer der wenigen eine eigene, unverwechselbare Handschrift entwickelt. Seine Kurzportraits zeigen die Künstler/innen in den verschiedensten Situationen, am seltensten auf der Bühne, und dennoch erhascht man dabei immer einen kleinen Blick in ihre Seele. Bei der Flamencobiennale NL war er überall und nirgends und niemand weiß, wann er in diesen Wochen überhaupt geschlafen hat. ANDA erwischte ihn in einer seiner seltenen Momente, in denen er auf die Frage „Hast du kurz Zeit“ mit „Ja“ antwortete – et voilà.

INTERVIEW: SUSANNE ZELLINGER FOTOS: ANNEMIEK ROOYMANS

Stell dich doch einmal unseren Lesern vor, viele kennen dich ja noch nicht ….

Ich heiße Félix, Vázquez nach meinem Vater und Rodríguez nach meiner Mutter, ich komme aus Huelva, dem Land der Fandangos und eigentlich bin ich Techniker und ich war immer mit der Musik verbunden. Ich begann beim öffentlichen Fernsehen, bei Canal Sur und um 2004 habe ich dann Cisco Casado kennengelernt, von Anegro Producciones und er lud mich ein um als Techniker für die Kompanie von Israel Galván zu arbeiten, ich nahm sein Angebot an und ging mit Israel Galván auf Tour.

Als Techniker?

Ja klar, das habe ich nie aufgegeben, das war und ist meine Berufung, auch wenn ich inzwischen viele andere Dinge zusätzlich mache. Wenn man etwas Neues lernt, muss man ja nicht das aufgeben, was man schon kann. Ich gehe weiterhin mit verschiedenen Künstlern auf Tour, als Licht – und Tontechniker, als Fotograf und Filmemacher. Das erlaubt mit, den Künstlern nahe zu sein und mit ihnen kreativ zu sein.

Hier in Holland bist du ja rund um die Uhr beschäftigt, nicht nur mit der Technik

Ich mache auch meine eigenen künstlerischen Projekte, dokumentiere die Bienal auf Video und setze ältere Projekte fort.

Wie die Sammlung der Künstlerportraits?

Ja, da ist einerseits die „Colección de Retratos“, die ja schon auf einigen Festivals zu sehen waren und meine neue Serie mit dem Namen „El mecanismo del KO“. Die Idee zu diesen kleinen Videosequenzen kam mir von einem Filmemacher, Philipp Bloom, der ein Videoportrait von einem Boxer machte und ich verliebte mich sofort in diese Erzählform, ich mag das lieber als diese langen Strukturen, sagen wir, ich mag lieber einen guten Witz als einen Roman.

Wir leben ja in einer super schnelllebigen Zeit, die Leute leben mit dem Handy und wenn du ihre Aufmerksamkeit über lange Zeit fesseln willst, musst du schon eine ziemlich ausgefeilte Erzählstruktur im Hintergrund haben. Ich versuche in 30 Sekunden bis zu ein paar Minuten eine Geschichte zu erzählen, über die Künstler und, so wie hier in Holland, über ihre Stücke, die sich die Leute dann auch in den sozialen Netzwerken ansehen.

Du bist dann also Regisseur, Filmer und Scriptwriter in einer Person, oder?

Genau. Und manchmal schlage ich eine Geschichte vor, manchmal auch nicht und dann ergibt sich die Geschichte einfach aus dem, was passiert und die Künstler müssen sich darauf einlassen, was sie auch meistens tun. Nicht immer natürlich, denn es kann schon sein, dass vieles durch eine musikalische Struktur oder die Choreografie vorgegeben ist.

Ich erinnere mich da an ein besonders schönes Video mit Leonor Leal und einer Blechdose, die eine Strasse hinunterrollte…

Ja, das war in Athen und es entstand aus einer Improvisation. Ich stand da unten und sah zur Akropolis hinauf und ich wollte diese beiden Orte verbinden, die so weit von einander entfernt sind und da kam mir die Idee mit der Dose. Eigentlich wollte ich die Szenen ja in der Nacht drehen, mit dieser scheppernden Dose, wie sie die Stufen herunterholpert, am Friedhof vorbei, wo sie dann leiser wird, aber die Idee habe ich dann verworfen, wegen des Lärms.

Manche der älteren Flamencovideos wirken ja ziemlich antiquiert, wodurch sich auch der Erfolg des Videos „Malamente“ von Rosalía erklärt, das ja unglaublich gut gemacht ist.

Ja, dabei geht es ja nicht nur darum, wie oder was sie singt, das kann dir gefallen oder nicht, sondern da steckt ja viel mehr dahinter. Unter anderem verwendet sie hier Elemente, die in diesen Formaten für den Flamenco völlig neu sind. Da ist eine Erzählstruktur dahinter, die Bilder sind aber auch sehr poetisch, genauso wie die Geschichte. Das gelingt ja vielen Künstlern nicht einmal auf der Bühne, da gibt es viele Stücke, wo das Stück und der Titel nichts miteinander zu tun haben, die Letras werden choreografisch umgesetzt, aber es fehlt die Inszenierung, da wird nur dekoriert, aber es fehlt die Poesie, die Idee dahinter, das muss ja alles erarbeitet und durchdacht werden.

Diese Dinge wurden im Video von Rosalía genau umgesetzt, da passiert nichts zufällig, wenn zum Beispiel ihr Körper mit diesem Stapler hochgehoben wird, dann gelangt er dadurch in eine andere Dimension, da wird einfach jede kleine Szene strukturiert und durchdacht. Die Szenen werden präzise geschnitten und natürlich gibt es einen Regisseur und einen Art Director. Die Flamencos neigen leider immer noch dazu, alles alleine machen zu wollen, mit wenigen Ausnahmen wie Andrés Marín zum Beispiel, und das funktioniert nicht immer.

Was muss ein Video können?

Auch ein Video muss eine Geschichte erzählen, es muss einen Anfang und ein Ende haben und dazwischen muss etwas passieren. Um wieder einen guten Witz als Beispiel zu nehmen, er braucht eine gewisse Zeit und am Ende muss es ein Ergebnis geben. Und wenn der Zuhörer dann nicht lacht, war es ein Reinfall. Und genauso ist es bei einem Video: alles hat einen Grund, obwohl es verschiedenste Erzählstrukturen gibt, manchmal sind es auch nur ästhetische, wie bei dem letzten Video mit Patricia Guerrero. Das drehten wir auf einer Sanddüne in Bolonia und die Idee war eigentlich, dass sie durch ihre Drehungen immer tiefer im Sand versinkt, das ist dann nicht aufgegangen, denn ich wollte sie ja schließlich nicht begraben, aber die Idee des Versinkens musste bewahrt bleiben und die wurde dann durch das Fallen von dem Sandgebirge ersetzt, dieses Gefühl der Tiefe.

Dieses Video gehört ja zu deinem neuen Projekt, „El mecanismo del KO“

Genau. Einerseits arbeite ich noch an „Colección de Retratos“, das sind eben kleine Tanzvideos, sie dauern zwischen 30 Sekunden und sechs Minuten und werden meistens während der Tournee an verschiedensten Orten gedreht, an denen sich die Künstler befinden, wie Hotels, Flughäfen, auf Bahnhöfen oder in Theatern und mein neues Projekt nützt andere, natürliche Räume, da sind oft Farben oder Geräusche der Leitfaden. In der Wüste hast du keine anderen Elemente, mit denen du spielen kannst, da ist der Tanz, der Raum und meine Soundinstallation.

Das Video von Eduardo Guerrero wurde an einem Strand gedreht und durch Verkehrsgeräusche im Compás der Seguiriya wurde ein starker Kontrast zur natürlichen Umgebung geschaffen, dem Schlagen der Wellen, dem Licht der Abenddämmerung, den Gezeiten, es ist ein Spiel mit den Gegensätzen.

Du machst aber auch längere Filme mit deinem Team von „Sarao Films“

Wir sind drei Freunde und unser Ziel war es eigentlich eine Lücke zu füllen, die es im Flamenco gibt, nämlich die des biografischen Dokumentarfilms aber auch von Spielfilmen im Langformat wie „Montoyas y Tarantos“ oder „Bodas de Sangre“, Das ist wirklich schade, denn sie waren auch dazu da um den Flamenco einem breiteren Publikum nahe zu bringen und diese Art von Filmen gibt es heute nicht mehr.

Die Amerikaner haben uns ihre Musicals ja auch in den Filmen verkauft, immer und immer wieder. Warum gibt es das im Flamenco nicht, der ja in seiner musikalischen Struktur viel reicher ist? Das ist unser eigentliches Ziel: der abendfüllende Spielfilm, in dem der Flamenco als Leitfaden dient.

Wie bist du denn zum Flamenco gekommen?

Über die Musik. Ich liebe Musik generell und habe am Konservatorium Klavier studiert und bin dann irgendwann beim Flamenco gelandet. Aber es dauerte seine Zeit, bis ich den Flamenco verstand und ihn wirklich genießen konnte. Der Gesang hat ja so viele Facetten und wenn ich früher Juana la del Pipa hörte, hatte ich so meine Schwierigkeiten, aber heute gibt es viele Künstler, die mir gefallen, von Juana la del Pipa über La Argentina bis zu Rosario La Tremendita. Aber vor allem liebe ich die Musik.

Und die Nähe zu den Künstlern, wie du am Anfang gesagt hast

Die Flamencos sind schon etwas ganz Besonderes, das sie von den „normalen“ Menschen unterscheidet. Sie haben andere Bedürfnisse, einen eigenen Biorhythmus, andere Bedürfnisse und einen besonderen Sinn für Humor. Ihr Sozialverhalten und ihre Empathie sind einfach höher entwickelt als bei anderen Menschen.

Und natürlich spielt auch die Tatsache eine Rolle, dass wir alle das, was uns am meisten Spaß macht zu unserem Beruf gemacht haben, das prägt den Charakter. Meistens sind wir glücklich, das ist wie bei einem Ausflug mit Freunden und in all den Jahren, in denen ich mit ihnen unterwegs bin, habe ich noch nie einen wirklichen Konflikt zwischen den Künstlern erlebt, kleine Probleme gibt es natürlich ab und zu, aber sie finden für alles eine Lösung, sie vertragen sich, sie mögen sich, sie empfinden tiefen Respekt voreinander und sie empfinden sich als Teil eines großen Ganzen.