Esther Weekes ist sowohl Bailaora als auch Singer-Songwriterin im Bereich Flamenco-Fusion. Sie wurde als Tochter karibischer Eltern in London geboren und lebt seit 22 Jahren in Spanien. Nach ihrer Ausbildung zur Flamenco-Tänzerin  trat sie als professionelle Bailaora in ganz Spanien und Europa auf. Als Blues- und Jazzsängerin trat sie bei Blues- und Jazzfestivals in Spanien und Großbritannien auf. Mit ihrer Liebe zum Flamencotanz und ihrem Gesangstalent hat sie eine einzigartige Brücke geschlagen, die von der Welt des Jazz in das Reich des Flamenco führt. Ich entdeckte sie beim Festival Jerezfusion, wo sie mit ihrer großartigen Band in der Guarida del Ángel auftrat und ich war begeistert von ihrer Stimme und ihrer Bühnenpräsenz.

Wo kommst du her, Esther?

Ich bin in  London aufgewachsen, aber meine Eltern kommen aus de Karibik, meine Mutter kommt aus Guyana, was früher britisch war, aber heute unabhängig ist. Mein Vater stammt von Barbados. Meine Schwester und ich sind in London geboren.

Was für eine Ausbildung hast du?

Ich habe Psychologie studiert und ich habe in Schulen mit Kindern gearbeitet, die Probleme hatten. Da ging es vor allem um Motivation und Selbstbewusstsein, damit sie ihr Potential ausschöpfen konnten, das ist heutzutage ein wichtiges Thema. Ich verwendete bei ihnen dieselben Techniken, die ich auch brauchte, als ich hierher kam um Flamenco zu studieren.

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Oh, du wolltest eigentlich Tänzerin werden, deshalb hast du gestern beim Konzert auch getanzt

Ja, Tanzen ist eigentlich mein wichtigstes Ding, aber weil ich auch singen kann, brachte ich die beiden zusammen.

Und wo hast du begonnen?

Seit 2004 lebe ich in Sevilla, eigentlich wollte ich ja nach Jerez, aber als ich ankam, war hier nicht viel los, das mag auch an der Jahreszeit gelegen sein, also ging ich nach Madrid. Ich war dort eineinhalb Jahre im Amor de Dios und dann nahm ich an einer Audition für Mario Mayas Schule in Granada am Sacromonte teil. Ich war die erste auf der Warteliste und als eine Schülerin ausfiel, kam ich rein.

Und wie war die Ausbildung?

Großartig. Es ging vor allem um die Technik auf der Bühne, das heißt, wie bewege ich mich auf der Bühne, wie nütze ich den Raum und so … . Der Morgen begann mit einer Stunde Unterricht bei verschiedenen Lehrer:innen wie Belén Maya, Antonio Granados oder María Pagés und danach hatten wir eine oder zwei Stunden Unterricht bei Mario Maya.

Nach sechs Monaten war der Kurs zu Ende und ich ging dann nach Sevilla, weil ein Freund von mir da war. Und seitdem tanze ich. Mein Leben drehte sich nur um den Tanz.

Aber ich wollte auch kreativ sein, etwas, das von mir kommt und da ich meine Erfahrungen gemacht hatte im Blues und im Jazz hatte ich das Bedürfnis die beiden Stile mit dem Flamenco zu verbinden, das fühlte sich für mich authentischer an.

Ich mag den Flamenco puro, aber nicht immer. Es ist die Musik, die mich zum Tanzen bringt, also musste ich die Musik näher zu mir bringen, damit ich sie fühlen konnte. Sie muss mich inspirieren, ich muss die Melodie verstehen und sie beeinflussen und das gelang mir durch meinen Gesang.

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Ich verstehe, ich habe eine kroatische Freundin in Wien, Jelena Reiter,  und sie singt auf kroatisch, in ihrer Sprache, weil das vom Herzen kommt, wie sie sagt.

Ja, es ist authentischer, man gibt nicht vor jemand zu sein, der man nicht ist.

Wie hast du denn deine Musiker gefunden?

Die Community ist ja nicht sehr groß und über die Jahre habe ich sie gefunden. Ich traf Alec, den Flamencogitarristen, er ist übrigens Amerikaner und der E- Gitarrist ist Spanier, lustig, oder? Aber das ist Fusion, das ist ein wirklicher Austausch!

Und wie ging es dann weiter? Ich liebe die Soleá, die du gesungen hast, sie ist so anders, wunderschön

Ich habe natürlich nie versucht eine Soleá so zu singen, wie sie es tun, für mich ist Musik einfach Musik, Rhythmus einfach Rhythmus, ich stecke einen Song nicht in irgendeine Schublade, sondern ich frage mich, ob mir die Melodie gefällt.

Wenn ich also diese typische Melodiefolge der Gitarre höre, die der Escobilla, die ich liebe, dann kopple ich sie vom Flamenco ab und singe diese schöne Melodie. Und im Text geht es um etwas, das ich selbst sehr gut kenne, über Einsamkeit.

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Vielleicht funktionierte es deshalb so gut. Ich hätte das nie gewagt, du bist wirklich mutig. Irgendwie hat diese Soleá etwas in meinem Kopf verändert und ich dachte: Natürlich kannst du das tun!

Aufgrund meines psychologischen Hintergrunds hielt ich vor einigen Jahren einen Vortrag über das Gefühl der Identität im Flamenco, oder über die Psychologie der Eigentümerschaft. Der Grund dafür war, dass nur sehr wenige Menschen über den Beitrag der schwarzen Afrikaner zum Flamenco Bescheid wissen; sie wissen nicht, dass es eine Geschichte gibt, dass im 17. Jahrhundert 10 % der Bevölkerung Sevillas schwarz waren und in Cádiz etwa 20 %.

Darüber wird nur sehr wenig gesprochen, es ist auch kein Thema im Unterricht in den Schulen. Weißt du? Schwarzafrika ist ein Teil der Geschichte hier, es geht um Ownership, um Zugehörigkeit.

Ich hielt also diesen Vortrag und das Interessante war, dass viele der Zuhörer, die nicht schwarz waren, genau das gleiche Gefühl hatten, im Sinn von – Das kann ich nicht machen, weil ich nicht von hier bin. Diese ganze Geschichte von kultureller Aneignung  ist ein sehr komplexes Thema, es ist kompliziert.

Und natürlich respektiere ich den reinen Cante, ich will mir da gar nichts aneignen, aber ich bin frei und kann tun, was ich fühle, was mir gefällt.

Wo trittst du eigentlich sonst auf?

Auf Flamencofestivals so wie hier in Jerez, und ich würde gerne öfter auftreten, aber es ist im Moment nicht einfach und da ich keinen Manager habe  noch mehr.

Ich habe ein Album mit Tino van der Sman aufgenommen, also wäre Holland interessant, aber mal sehen. Wir haben auch schon ein paar Nummern released, wie Triana Blues.

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Wie kreierst du denn deine Stücke?

Die Soleá hab ich zum Beispiel alleine gemacht und die Nummern mit Tino, das ist immer so ein Hin und Her, es gibt eine Musik, die mir gefällt und mit der arbeitet Tino, dann kommen Texte hinzu und dann ist es so ein Ping-Pong und irgendwann entsteht dann einfach ein Lied, das wir beide mögen.

Singst du da Gedichte?

Ich hatte nicht vor, Singer-Songwriterin zu werden, das war nie meine Absicht, aber plötzlich war ich es doch, also habe ich mir über die Texte keine großen Gedanken gemacht – als ich sie schrieb, kamen sie einfach aus meinem Unterbewusstsein. In Queen for a Day geht es um eine Königin, die kein Zuhause hat; sie ist wie eine Bettlerin. Es geht darum, den Wert in jedem Menschen zu erkennen, denn wir urteilen ständig, wenn jemand auf der Straße bettelt oder etwas tut, urteilen wir und vergessen, dass es ein Mensch ist – dass es eine Königin ist. Es geht einfach darum, einen Moment innezuhalten, denn im Grunde lautet die Frage: Würdest du tun, was du könntest, wenn du wüsstest …

Es geht also darum, was du tun würdest, wenn du in dieser Situation wärst … Empathie, weißt du – ich urteile, aber ich muss auch darüber nachdenken; daher ist jeder Song persönlich – manchmal weiß ich nicht, wie er werden wird, und dann entsteht eine Geschichte.“

Drei Songs von meiner CD sind auf Spotify und der Rest folgt.

Text: Susanne Zellinger

Fotos 2 u 4: Alba Sanz

Fotos 1 u 3: Ludivine Mimar