Ein Festival, das bleiben sollte

Als Jerez sich um den Titel Kulturhauptstadt Europas 2031 bewarb, geschah etwas, was selten passiert: Man stellte sich Fragen. Die Stadt fragte sich laut, was sie sein wolle. Dieser Prozess des kollektiven Nachdenkens brachte Ideen, Projekte und kulturelle Energie hervor, die nicht einfach in der Schublade verschwinden durften. Das Festival Jerez Fusión ist das direkte Ergebnis dieses Impulses – der während der Bewerbung gesäte Samen, der heute zu einem Festival herangewachsen ist.

Hinter diesem Festival steht ein echtes Netzwerk: der Tourismuscluster Destino Jerez, ein Zusammenschluss von Unternehmen und Fachleuten aus der Tourismusbranche der Stadt, die seit Jahren daran arbeiten, Jerez zu einem national und international bedeutenden Reiseziel zu machen. Und natürlich nicht zu vergessen Mario González, Antonio Mariscal und Joséma García Pelayo, die für die Produktion verantwortlich waren.

Umso schöner, dass es in diesem Fall nicht nur um Geld, sondern vor allem um reine Genussmomente ging, um die Musik und um den Vino de Jerez.

Die meisten Festivals laufen ja nach dem gleichen Schema ab und der Flamenco hat den Tanz im Vordergrund, vor allem auf den großen Bühnen und wer das nötige Kleingeld hat, kann sich auch alle Eintrittskarten leisten.

Hier war der Eintritt frei, die Programmgestaltung vielfältig und die Spielorte bunt gemischt. Eine wichtige Rolle spielte die Guarida del Ángel, wo die abendlichen Konzerte stattfanden, das Estudio La Bodega war für die Masterclasses reserviert, die Showcases fanden im Dama Juana ihren Platz und die Mesas Redondas gaben Gelegenheit, das großartige Sherrymuseum The Sherry Gallery auf der Plaza de la Asunción kennen zu lernen.

Mesa Redonda 2

Den Beginn machten die Podiumsdiskussionen mit spannenden Themen wie Wurzel und Ursprung, Neue Trends oder Die Flamenco-Industrie mit interessanten Gästen wie Rubén Gutierrez, dem Chef der SGAE, Tali Carretero, der Direktor der Monkey Week, María del Mar Moreno oder die Journalistin Valeria Reyes geladen und wobei auch ich das Vergnügen hatte, meinen Teil beizutragen. Danach gab es jeweils ein Gläschen Sherry der Bodega Caetano del Pino, damit wir auch Gelegenheit hatten zum Austausch von Ideen und um Kontakte zu knüpfen.

Die frühabendlichen Konzerte verpasste ich leider – die heilige Siesta wollte ich nun doch nicht opfern, denn ab 21:00 ging es zu den Konzerten in die Guarida del Ángel und die waren wirklich sehenswert und weit weg vom Mainstream.

Trilog

Den Beginn machte TRILOG, ein Trio mit Querflöte, Gitarre und indischen Trommeln, eine Mischung aus Flamenco- Jazz und indischer Musik, mit Anklängen an Guajira, Seguiriya und einem Thema von Camarón, melodisch und manchmal fast elegisch,

Esther Weekes

Am zweiten Teil des Abends überraschte die aus London stammende exotische und wunderschöne Sängerin Esther Weekes mit Flamenco Blues vom feinsten. Sie hat eine großartige Stimme und traute sich an eine Soleá, die ich so noch nie gehört habe, bei der Seguiriya del Stay with me machte sie eine Tanzeinlage, die auch nicht improvisiert wirkte und das Solo vom E Gitarristen Lolo Ortega war auch ziemlich cool. Ein Interview mit Esther können Sie in den nächsten Tagen eben hier lesen.

José Camarones

Am Freitag Abend rockte dann José de los Camarones mit seiner exzellenten Band die Bühne. José María García Pelayo, einer der Organisatoren des Festivals saß am Piano und seine Tochter María García Pelayo sang mit José de las Camarones ein romantisches Duett Diálogo con Teresa von Pablo Neruda.

Alles, was du mir gegeben hast, gehörte mir bereits,

und dir unterwerfe ich meine Freiheit,

ich bin ein Mann ohne Brot und ohne Macht,

ich besitze nur ein Messer und mein Skelett.

Ich wuchs ziellos auf, war mein eigener Herr,

und langsam wird mir bewusst, dass ich dir gehöre,

seit ich diesen Traum begonnen habe;

vorher war ich nichts als ein Haufen Stolz.

Romantik pur und herrlich gefühlvoll interpretiert, zeigte José de los Camarones, dass er das auch kann. Aber sonst gab es Rock pur, por Seguiriya, Granaína und Tangos mit einer Bühnenpräsenz, die an die Rolling Stones erinnert, begleitet von seiner erstklassigen Band.

Nach einer längeren Umbauphase folgte Rafael El Zambo, ein junger Gitano aus Santiago, auch er brachte den Saal zum Kochen.

Madriles

Den Abschluss machte gestern Abend ein Großevent auf der Alameda Vieja. Eine wohlverdiente Hommage an den Musiker und Komponisten Antonio de los Ríos El Madriles, der vor vielen Jahren mit Noches de Bohemia seinen größten Erfolg feierte. Er gab den Song auch an diesem Abend zum Besten. Den Text konnte der Großteil des Publikums noch immer auswendig.

Tomasito

Diego Carrasco eröffnete den Abend, Tomasito bot seine wie immer amüsante und einzigartige Performance, die man nicht müde wird immer wieder zu sehen und El Zambo holte seinen kleinen Sohn zum Cajón spielen auf die Bühne, der höchstens ein Jahr alt ist – sowas sieht man nur in Jerez.

El Zambo y el Niño

Das Warten auf Raimundo Amador wurde mir zu anstrengend und außerdem war es ja eines langen Tages Nacht.

Raimundo

Zufrieden ging ich in der warmen Abendluft nachhause in Gedanken an all das Erlebte in den vergangenen Tagen. Ich freu mich auf das nächste Jahr.

Festival JerezFusion

10.-13.9.2026

Jerez de la frontera

https://www.jerezfusion.com/

Text und Fotos: Susanne Zellinger