Und das Sterben, dieses Nichtmehrfassen
Jenes Grunds, auf dem wir täglich stehn,
Seinem ängstlichen Sich-Niederlassen -:

R.M. Rilke

Eigentlich hatte ich mir ganz etwas anderes erwartet an diesem Mittwoch Abend. Nach dem Lärm in den sozialen Medien, die dieses Stück hervorrief, erwartete ich ein skandalöses Tanzwerk, das sensible Gemüter erregte aber auch unterirdische Ewiggestrige aus ihren Höhlen hervorholte.

Was ich sah war eine fast märchenhafte und manchmal durchaus lustige Abhandlung über die Frauen einer Familie, die niemandem fremd sind: die Mutter, die Tante und die Großmutter. Darüber könnte ich auch eine Geschichte schreiben, obwohl sie ganz anders aussehen würde.

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Hier war es die Küchenschabe, der Schwan und die Füchsin, obwohl zorra ja auch eine ganz andere Bedeutung hat, auf die ich jetzt aber nicht eingehen möchte.

Die Küchenschabe jagte mir Schauer über den Rücken, der Schwan rührte mich und die Füchsin liebte ich.

Natürlich hat der fast zwei Meter große Julio Ruiz im Schwanenkostüm etwas Absurdes, aber eben auch etwas Rührendes, im Pelzmantel sieht das dann schon ganz anders aus und seine Interpretation der Küchenschabe war großartig. In der Ausstattung sieht man übrigens deutlich die Hand von Ernesto Artillo und die mag man oder man mag sie nicht. Ich mag sie.

Viel Text war zu lesen, manchmal auch schwierig, da wäre eine Stimme aus dem OFF bestimmt schöner gewesen, aber bitte.

Durch die performanceartige Darstellung kam das Tänzerische etwas zu kurz, da würde ich gerne mehr von ihm sehen, aber das gehört dann wahrscheinlich in das nächste Stück.

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Mein Lieblingsmoment war der Ausflug zu Tschaikowskys Schwanensee auf der glasklaren Gitarre von David de Ana, nach der sich Julio die Federn vom Kleid zupft und zu Boden sinkt, als hätte er keine Kraft mehr, diese Familie zu ertragen.

Die Farbe weiß hat hier natürlich auch ihre Bedeutung: Reinheit, Unschuld, Ruhe und Frieden, weiß hat er für die Mutter gewählt, in deren Schutz er sich auch am Ende begibt.

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Für die Großmutter begibt er sich, gehüllt in den riesigen Pelzmantel, in die Tiefen der andalusischen Familie, vielleicht sogar zu Lorca und seiner Bernarda Alba, vor ihr hat er Angst, sie verlangt Gehorsam und das Kind muss sich beugen.

Der Cante von Pepe de Pura ging mir wie immer durch Mark und Bein, aber diese meine Schwäche für diesen großartigen Sänger ist ja inzwischen bekannt.

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Der Schlußsatz, als er brutüberströmt das Ende ankündigt lautet:

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Punto y Final.

Julio Ruiz

La familia, un cuento de Julio Ruiz

Centro Social Blas Infante

25.2.2026

www.festivaldejerez.es

Fotos: Rina Srabonian

Text: Susanne Zellinger