Rocío Molina wärmt sich auf
Der Titel Calentamiento ist schwer zu übersetzen, obwohl ganz klar ist, was er bedeutet. Man wärmt sich auf, bevor man etwas beginnt, wofür man einen aufgewärmten Körper braucht, damit man sich nicht die Muskeln zerrt oder was auch immer.
Ich habe keine Ahnung, denn ich habe mich in meinem ganzen Leben noch nie aufgewärmt.
Im Gegensatz zu Rocío Molina, wobei ihre Aufwärmphase für die Beine, La Tabla de pies, ganze 35 Minuten dauert, in denen sie sich ununterbrochen korrigiert, aufmuntert und sich selbst zu äußerster Disziplin ermahnt, damit sie nicht aufgibt. Wie ein Marathonläufer auf den letzten Metern. Dabei ist das erst der Anfang. Sie beobachtet jede ihrer Bewegungen und die kleinste Nachlässigkeit, als hätte sie einen Spiegel über sich in dem sie sich sieht. Nichts entgeht ihr. Sie ist ihre strengste Lehrmeisterin.
Sie spricht dabei ununterbrochen. Über ihre Fußtechnik, ihren Körper, über das Leben und den Druck, die beste, schnellste und dabei noch lustigste zu sein, über die Kraft, die es kostet den Schmerz zu überwinden und immer neu zu beginnen, auch wenn schon alles zu Ende ist.

Rocío Molina steht allein auf der großen Bühne der Sala Fernando Arrabal , kann natürlich auch ein Zufall sein, denn Fernando Arrabal war einer der umstrittendsten Schriftsteller seiner Zeit, Vertreter des absurden Theaters, und wurde dennoch mit den wichtigsten Preisen ausgezeichnet, weil seine Qualität unumstritten war. Ähnlich erging es ja auch Rocío, als sie begann zu experimentieren.
Heute hat sich das alles erledigt. Sie ist eine der größten Tänzerinnen unserer Zeit. Und damit meine ich nicht ihre Körpergröße. Sie ist klein und hat in manchen Momenten dieses meist lauten Stücks eine Zartheit, die mich immer wieder rührt, so wie am Ende dieses gewaltigen Abends, wenn sie, schon als die Zuschauer den Saal verlassen, noch immer auf der Bühne zart und verloren vor sich hin tanzt.

In den paar Minuten der Goldberg Variationen schenkt sie jeder Note eine kleine Bewegung und gibt ihnen dadurch ein Gesicht, beweist, dass hier keine Note überflüssig ist und keine fehlt. Naja, wir reden ja auch von J.S.Bach, aber dennoch, ein besonderer Moment.
Musiker gibt es keine, außer dem Multitalent , José Manuel Ramos Oruco, mit dem sie musikalisch praktisch verheiratet ist, so oft hat er sie schon begleitet und für spezielle Momente gesorgt, wie auch hier, wobei er zuerst den strengen spielt und sie auffordert weiter zu machen und keine Müdigkeit vorzutäuschen. Aber gleich danach schlüpfen sie in eine Seifenblase voll Vertrautheit und gegenseitiger Zuneigung. All das natürlich in einem sagenhaften Compás und mit Soniquete.

Die vier Damen, die in einem Spiegelschrank eingesperrt sind kommen erst spät aber dann dafür kräftig zum Zug und tanzen und singen so heftig, dass sie dann doch in die Freiheit entlassen werden.
Es geht dem Ende zu und Rocío hat Lust es krachen zu lassen, zuerst mit dem Schlagzeug und dann mit Metallstühlen, die sie durch die Gegend wirft, ihr Haar hat sich aufgelöst, ihre Schminke ist verschmiert und ihr Kleid verschwitzt, aber sie pfeift auf die Schönheit. Schließlich ist sie Rocío Molina. Eine der größten Tänzerinnen der heutigen Zeit.

Rocío Molina
Calentamiento
Centro Danza Matadero de Madrid
16.-23.11.2025