Es gibt Menschen, die eine ganz besondere Ausstrahlung haben. Zu ihnen gehört Rubén Olmo, Leiter des Ballet Nacional de España, kurz BNE. Diese Mischung aus einer gewissen Extravaganz in der Kleidung, die jedoch nie aufdringlich ist, die Eleganz seiner Bewegungen, die noble Zurückhaltung, wenn er spricht und natürlich dieser Blick, der dir ungeteilte Aufmerksamkeit versichert. Er liebt seine Kompanie und er ist stolz auf sie.
Seine Laufbahn können Sie überall nachlesen, darum werde ich hier darauf verzichten, seinen Lebenslauf aufzuschreiben, viel interessanter ist, warum er für seine neueste Produktion Afanador den Choreografen Marcos Murau verpflichtet hat und damit die Pfade des Ballet Nacional entscheidend erweiterte. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt sagt ein Sprichwort und der Erfolg gibt Rubén Olmo recht.
Hallo Rubén, wir sind hier im Festspielhaus St. Pölten, wo ja schon einige Kompanien des Flamenco zu Gast waren, aber das BNE ist ja etwas ganz Besonderes, oder?
Es ist einzigartig, weil unsere Tänzer eine so umfassende Ausbildung haben: Clásico español, zeitgenössischer Tanz, alle Arten des spanischen Tanzes, Escuela bolera und Flamenco, das ist schon außergewöhnlich.
Wie kommt man in die Kompanie?
Durch eine Audition, aber die Tänzer:innen kommen schon mit einer Ausbildung aus dem Konservatorium und im Ballet Nacional geht es dann weiter, mit verschiedenen Lehrern, damit sie ihre Ausbildung vervollständigen.

Sind in der Kompanie nur spanische Tänzer?
Nein, das ist für uns nicht wesentlich, der Flamenco und die Danza española sind inzwischen so international, dass die Grenzen fließend sind.In der Kompanie sind zum Beispiel eine Tänzerin aus Taiwan, eine andere aus Korea …
Du bist ja der Leiter der Kompanie, wie waren denn deine Anfänge, kommst du aus einer Künstlerfamilie?
Nein, gar nicht. Es begann bei einer Velá, diese typischen Fiestas del barrio, wie die Velá de Santa Ana. Ich war noch ganz klein, vielleicht zwei Jahre alt und ich imitierte die anderen Kinder, als sie tanzten. Das sah meine Mutter und eine Lehrerin aus der Academia des Viertels. Und die sagte zu meiner Mutter – Dieser Junge muss tanzen lernen – und meine Mutter meldete mich gleich an. Dort tanzte ich einige Jahre und dann ging ich aufs Konservatorium in Sevilla. Ich begann mit klassischem und spanischem Tanz, weil alle sagten, ich hätte den idealen Körper dafür. Aber gleichzeitig begann ich mit Flamenco in der Academia von Manolo Marín in Triana.
War das ein Problem für dich? Kleine Jungen sollten ja vor allem Fußball spielen …
Nein, überhaupt nicht. Mein Spiel war das Tanzen und an den Wochenenden ging ich zum Unterricht bei José Galván oder Carmen Montiel, für mich bedeutete das Tanzen alles, und so ist es bis heute. Ich habe auch Fußball gespielt und Handball, aber ich hatte niemals Zweifel, dass ich tanzen wollte.
Und das Thema Bailarín – Bailaor?
Auch nicht. Ich wollte alles lernen, nicht nur Flamenco. Obwohl der Flamenco heute ja so viele Möglichkeiten hat, er hat eine unglaubliche Bandbreite von total traditionell bis zur absoluten Avantgarde. Das ist einzigartig.

In Afanador, der neuesten Produktion des BNE hast du dich für eine Zusammenarbeit mit Marcos Morau entschieden, einem zeitgenössischen Choreografen.
Ja, weil er eine ganz eigene Vision vom Tanz hat. Die Avantgarde haben wir im Flamenco ja schon mit Rocío Molina oder Israel Galván und ich wollte niemanden kopieren. Ich wollte jemanden, der einen ganz anderen Blickwinkel hat. Und Marcos hatte vorher noch nie mit der Danza española oder mit dem Flamenco gearbeitet.
Er hat seinen ganz eigenen Stil und bevor wir zu arbeiten begannen, sagte ich zu ihm -Arbeite mit der Kompanie, sie haben unglaublich viel Material, arbeite mit ihnen, so wie du willst, nach deinen Kriterien. Und er verstand mich sofort.
Ich wollte den „Stempel“ vonseiner Kompanie La Veronal, aber ich wollte auch nicht, dass das Ballett seinen Charakter verliert. Marcos hatte noch nie vorher mit so vielen Tänzern gearbeitet und das beeindruckte ihn sehr, aber am Ende hat er es meisterhaft gemacht.
Und deine Tänzer:innen, wie war das für sie?
Es war beeindruckend, es war sehr hart, weil es eine andere Art von Bewegung war, die wir in unseren Körper integrieren mussten, viele Nackenschmerzen, denn Marcos treibt dich bis zum Äußersten, bis du alles gegeben hast, was du hast, sie haben viele Prozesse durchlaufen, von Verzweiflung zu Freude und von Freude zu – Aber mein Gott, was tun wir da …
Es ist etwas Einzigartiges und etwas ganz Anderes, als würde man den spanischen Tanz und den Flamenco in ein anderes Universum versetzen.
Und warum Ruven Afanador?
Weil ich seine Arbeit liebe und außerdem war ich ein Teil davon, ich bin ja in seinen Büchern. Und irgendwie hat uns das Universum nach so vielen Jahren wieder zusammen geführt.
Ich sagte also zu Marcos Murau – Ich möchte von dir ein Stück für das Ballet Nacional, du hast Carte Blanche, also schlag mir etwas vor und dann sehen wir weiter. Und bei unserem nächsten Treffen kam er mit fünf Fotos von Ruven und auf einem dieser Fotos war ich, aber das wusste er nicht, damals sah ich ganz anders aus und er sagte – Schau, das ist es, was ich machen möchte. Ich möchte mit diesen Bildern arbeiten, in Schwarz-weiss, ich möchte eine Fantasie über diese Fotosession machen, über seine Bücher Mil Besos und Ángel gitano. Ich war begeistert. Wir hatten noch nie ein Stück gemacht, dessen Basis Fotografien waren oder mehr noch ein Fotograf. Uns inspirierten Dichter wie Federico García Lorca oder andere Schriftsteller, aber das wäre etwas vollkommen Neues.
-Aber du weißt schon, dass ich das bin auf dem Foto, der mit der Bata de Cola – sagte ich zu Marcos und er konnte es nicht fassen. Wir kontaktierten Ruven und er war sofort Feuer und Flamme. Er hat sich mit Leib und Seele engagiert, uns alle Fotos zur Verfügung gestellt und uns das gesamte Material überlassen, damit wir ihm diese Hommage widmen konnten, denn schließlich trägt das Stück ja sogar seinen Namen.



Kannst du dich noch an das Foto von der Bienal de Sevilla erinnern? Das Plakat?
Ja klar, das war Yolanda Heredia, schwarz geschminkt mit diesem riesigen Kamm. Das war ein Wendepunkt, das war ein Bruch mit allen Konventionen, und als er dann die Fotosession mit allen Künstlern machte, Matilde Coral mit dieser Schleife, mit diesen schwarz geschminkten Augen, eine Frau, die die absolute Tradition repräsentiert, die sevillanische Frau schlechthin, da lagen wir ihm alle zu Füßen.
Sein drittes Buch Torero hat den Stierkampf zum Thema, ein Thema, das dich ja auch interessiert
Ja, darüber habe ich eine Trilogie gemacht, beginnend mit Belmonte, dann El Llanto por Ignacio Sánchez Mejías und dann Dialogo del Navegante über den Stier der José Tomás in Bogota erwischte, mit Antonio Canales.
Was fasziniert dich denn am Stierkampf?
Eigentlich vor allem die Ästhetik und das Drumherum, ich mag den Toreo de Salón, der Moment bevor die Toreros in die Arena gehen, wenn sie fast tanzen und sich konzentrieren. Ich war natürlich bei Stierkämpfen, aber ich leide mit den Tieren, das kann ich nicht gut aushalten.

Ich weiß, du bist sehr sensibel, aber bist du auch ein Romantiker?
Ein Bohemien und ein Romantiker. Ich verliebe mich in schöne Dinge, in schöne Momente, aber ich bin auch sehr sensibel. Ich bin sehr harmoniebedürftig, auch bei der Arbeit. Als Leiter der Kompanie bin ich natürlich anspruchsvoll und fordernd, aber ich versuche auch immer verständnisvoll zu sein und meine Tänzer zu unterstützen. Ich mache alles mit sehr viel Liebe, weil ich denke, dass ich damit viel weiter komme als mit der Peitsche.
Man sagt ja von dir, dass du ein guter Mensch bist, mit einem guten Charakter.
Wenn man so einen Posten innehat wie ich, fügt man manchmal Schaden zu ohne es zu wollen, weil wenn sich bei einer Audition 200 Tänzer präsentieren und du hast nur vier freie Plätze, dann verletzt du manche darunter, und ich bin vielleicht nicht der beste Mensch der Welt, aber ich versuche jeden Tag ein besserer Mensch zu werden, das schon.
Vielen Dank für dieses schöne Gespräch!
Gerne, und ich hoffe, dass die Zuschauer das Ballett genießen werden, für mich ist es einzigartig auf der Welt.
Fotos: Merche Burgos
Foto Bienal: Ruven Afanador
Text: Susanne Zellinger